Safe Nest aus der Sicht einer Unterstützerin


„Ich arbeite im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes bei Flamingo e.V. und bin dort vor allem innerhalb des Safe Nest Projekts tätig. Fast alle Frauen kommen aus einer Notunterkunft zu uns. Dort leben auch (risiko-) schwangere Frauen in Mehrbettzimmern oft mit 8 oder sogar mehr anderen Personen. Sie haben meist niemanden dem sie sich mit ihren Problemen anvertrauen können und der ihre Sprache spricht. Die Essensversorgung ist dürftig. Die hygienische Situation ist bei so vielen Menschen auf engstem Raum unerträglich. Es gibt nicht genügend Toiletten und Duschen. Es ist laut. Immer und überall. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeiten. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und teilweise auch verfeindeten Bevölkerungsgruppen leben dort auf engstem Raum zusammen. Die Menschen, die in einer Notunterkunft leben müssen, haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus. Sie wissen nicht, was morgen sein wird. Sie bekommen zu wenig oder gar keine Unterstützung in Rechtsangelegenheiten und in gesundheitlichen oder sozialrechtlichen Fragen.
Sie (müssen) warten. Tagelang oft sogar Monatelang. Langeweile. Angst. Perspektivlosigkeit. Und überhaupt keine Möglichkeiten zur Selbstbestimmung.
Viele sind schwer traumatisiert.
Dies ist für alle Menschen in diesen Unterkünften ein nicht tragbarer Zustand, im Besonderen jedoch für schwangere Frauen und für Frauen mit kleinen Kindern.
Auch die Struktur der Behörden ist für Geflüchtete regelrecht traumatisierend. Fast keine der bei uns lebenden Frauen ist in der Lage unbegleitet zum Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) zu gehen. Immer wenn ich eine Frau begleitete, wurden wir von mindestens fünf Securitys empfangen, die das kleine Eingangstor versperrten. Gesprochen wurde nur im Kommandoton. Die Einlasspolitik für Begleitpersonen war willkürlich. Mal konnte Mensch einfach mit rein, ein andermal nur mit Mitgliedsausweis eines Vereins oder mit einem Anschreiben, das erklärt, warum die jeweilige Person eine Begleitung benötigt. Hat Mensch es geschafft diese Hürde zu überwinden, werden die Taschen durchsucht und Mensch wird durch eingezäunte Laufwege zur Eingangszone kommandiert. Dabei ist langsames Laufen oder auch Stehenbleiben, weil Mensch noch auf die andere Person wartet, nicht erwünscht.In der Eingangszone erhält die Person einen Aufkleber mit der entsprechenden Farbe des Anliegens und weiter geht’s. Da lang. Stop. Da lang. Stop. Hinsetzen. Warten. Und so weiter. Ewige Wartezeiten. Oft gibt es keine Sprachmittler*innen.
Andere Erschwernisse entstehen durch die allgemeine Gesetzeslage. Immer wieder werden Papiere gefordert, die nicht erbracht werden können. Zum Beispiel besitzen nur sehr wenige geflüchtete Menschen einen Pass und der kann nur in der jeweiligen Botschaft oder dem Heimatland beantragt werden. Diese Menschen trauen sich aber oft nicht, die Botschaft zu betreten, aus Angst um ihr Leben. Noch weniger trauen sie sich in ihr Heimatland zurückzukehren.
Personen die den derzeit am häufigsten zuerkannten Aufenthaltstitel „subsidiärem Schutz“ haben sind jedoch dazu verpflichtet sich Ausweispapiere zu besorgen – eine Pattsituation.
Mit „subsidiärem Schutz“ besteht (auch) kein Recht auf Familiennachzug. Die in Deutschland geborenen Kinder werden zudem nicht in den Ausweis der Mutter eingetragen. Damit kann beispielsweise auch kein Kinder- oder Elterngeld beantragt und keine Krankenversicherung abgeschlossen werden.
Andere Hürden sind die Interview-Termine, die „Goldstücke“ der Retraumatisierung von Geflüchteten.
Das Interview, der zentrale Punkt eines jeden Asylverfahrens, ist ein im Schnitt achtstündiges Verhör über die Fluchtgründe einer Person die einen Aufenthalt in Deutschland legitimieren sollen. Der/die politisch und psychologisch nicht unbedingt gebildete Interviewer/in darf dabei entscheiden, ob er/sie eine Geschichte für glaubhaft hält oder nicht.
Hat die Person, die verhört wird, ein Detail ausgelassen, weil sie auf Grund ihrer Traumatisierung und unter den kalten Umständen dieses „Verhörs“ nicht darüber sprechen kann oder da sie das Detail auf Grund ihrer schwersten Traumatisierungen gar nicht mehr erinnern kann, kommt es nicht selten vor, dass ihr nicht geglaubt wird. Die zwangsläufige Konsequenz ist dann Abschiebung.
Die Glaubwürdigkeit einer Person wurde in Frage gestellt weil die Person angab, ohne Ticket mit dem Zug durch Deutschland gefahren zu sein. Die Ansicht der verhörenden Person war: Das könne gar nicht sein, in Deutschland würden Tickets immer kontrolliert.
Mit Beispielen wie diesen ließe sich ein Buch füllen.

Es ist unglaublich erschöpfend und ermüdend. Oftmals fühle ich mich Ohnmächtig diesem System gegenüber.

Wenn wir eine Flüchtlingsanerkennung durchbekommen haben geht der schier aussichtslose Kampf bei der Wohnungssuche weiter. Die Frauen bekommen, während sie Deutschkurse absolvieren und auf Jobsuche sind Geld vom Jobcenter.
Stellt die Wohnungssuche für Harz 4 Empfänger schon ein großes Problem dar erweist sich die Wohnungssuche für geflüchtete Frauen mit Kind(ern) als ein beinahe unlösbares Problem: Die Liste des Jobcenters wie eine Wohnungen sein muss (jedes Kind ab 2 Jahr braucht ein eigenes Zimmer) und das zur Verfügung gestellte Geld geht nicht zusammen.
Die groß angelegten „Welcome Zentren“, die mit Massen an Senatsgeldern aus dem Boden gestampft wurden helfen nicht bei den eigentlichen Problemen. Sie leiten einfach an kleinere Vereine wie uns weiter. Und wir übernehmen größtenteils ehrenamtlich die eigentliche Arbeit.
Vor diesem Hintergrund klingen Worte wie Integration leer, wenn nicht sogar verhöhnend.


Ich bin wütend, traurig und verzweifelt.
Aber meine Arbeit ist wichtig und ich werde nicht aufhören sie zu tun!"